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Sonntag, 31. Juli 2016

Leseprobe Flammenmund




13. Juli 1998

Theresa zog die Schultern hoch. Die Hände hatte sie tief in den Taschen ihres leichten Trenchcoats vergraben. Es war zwar Juli und die letzten Tage waren sommerlich heiß gewesen, doch so früh am Morgen war es noch recht kühl.
Sie beschleunigte ihre Schritte und heftete den Blick auf das Steinpflaster. Ihre Absätze klapperten schrecklich laut, wie ein Echo wurden ihre Schritte von den Hauswänden, die die schmale Gasse säumten, zurückgeworfen. Oder kam es ihr nur so vor, weil die Stadt noch schlief?
Was er nur von ihr wollte so früh am Morgen? Es musste wichtig sein, sonst hätte er ihr nicht morgens um fünf schon eine Nachricht geschickt. Und seine SMS hatte dringend geklungen. So dringend, dass sie sich kaum Zeit genommen hatte, seine Nachricht zu beantworten. Sie hatte nur rasch getippt, dass sie kommen würde, dann den Mantel über ihr Kostüm geworfen und sich sofort auf den Weg gemacht. Nicht einmal richtig abgeschminkt hatte sie sich.
Sie warf einen raschen Blick auf das Display ihres Handys. Auf ihre SMS hatte er immer noch nicht geantwortet. Aber wahrscheinlich reichte ihm das Wissen, dass sie unterwegs zu ihm war. Und das, was er ihr zu sagen hatte, wollte er persönlich, von Angesicht zu Angesicht, besprechen.
Aber warum wollte er sich ausgerechnet am Schloss mit ihr treffen? Und warum tat er so geheimnisvoll? Ihre Schritte wurden langsamer, sie blieb stehen, als ein Gedanke sie mit unvermittelter Wucht traf. Hatte etwa seine Frau …?
Sie wischte den Gedanken fort. Es hatte keinen Sinn zu grübeln, in wenigen Minuten würde sie ihn sehen, dann würde sich alles klären.
Flüchtig fuhr sie mit einer Hand über ihren Bauch. Noch konnte man nichts sehen, doch sie konnte es fühlen. Hatte es vom ersten Tag an gefühlt. Bald würde nichts mehr sein wie zuvor.
Sie lief weiter, fiel wieder in einen gleichmäßigen Rhythmus. Die leichte Steigung der Gasse ließ sie ein wenig schneller atmen. Sie wusste, bis sie das Schloss erreicht hatte, würde sie vollkommen außer Atem sein.
Was war das für ein Geräusch? Wieder blieb sie stehen, drehte sich um und sah den Weg zurück, den sie gekommen war. Die Gasse war menschenleer, so früh am Montagmorgen war hier niemand unterwegs. Nicht einmal eine Katze. Alle Fensterläden waren geschlossen, was der Straße etwas Verlassenes gab. Trotzdem hatte sie das Gefühl, sie sei nicht mehr allein.
Einer der ersten Sonnenstrahlen des frühen Morgens stahl sich in die schmale Gasse. Sie lächelte. Heute würde wieder ein wunderschöner Tag werden.
Sie setzte ihren Weg fort. Doch schon nach wenigen Metern blieb sie erneut stehen. Da waren doch eindeutig Schritte hinter ihr zu hören. Schnelle, leichtfüßige Schritte. Wer mochte so früh schon unterwegs sein? Vielleicht war er es ja? Vielleicht wartete er noch gar nicht am Schloss auf sie, sondern war auch erst auf dem Weg dorthin?
Sie blickte über die Schulter zurück, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Und erstarrte.
In der Mitte der eben noch leeren Gasse stand eine Gestalt in einem langen schwarzen Umhang. Eine Kapuze verdeckte Haare und Gesicht.
Theresas Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Die Gestalt hatte die Arme erhoben. Spannte den Bogen, den sie hielt.
Silbern blitzte ein Sonnenstrahl auf der Pfeilspitze.
Theresa keuchte, war für eine Sekunde starr vor Schreck. In ihren Ohren rauschte es, vor ihren Augen tanzten schwarze Flecke.
Dann wirbelte sie auf dem Absatz herum und begann zu rennen. Rannte, so schnell sie konnte.
Sie konnte nicht hören, wie der Pfeil abgeschossen wurde, das Geräusch ihrer Schritte, ihr rasselnder Atem und das Wummern ihres Herzschlags übertönten alles.
Der Pfeil traf sie in den Rücken. Die Wucht des Einschlags schleuderte Theresas Körper nach vorne. Sie sah das Straßenpflaster auf sich zurasen, doch dann wurde alles schwarz.
Theresa war tot, noch bevor sie mit voller Wucht auf das Pflaster schlug.

Oscar lachte. Sie ließ den Bogen sinken und hob eine Hand an die Stirn, um ihre Augen gegen die Sommersonne abzuschirmen.
»Immerhin habe ich die Zielscheibe getroffen!«, rief sie.
»Das war doch gar nicht schlecht«, sagte Ewa. Sie saß schräg hinter Oscar auf einer Holzbank und hielt ihren eigenen Bogen auf den Knien.
»Auch ein blindes Huhn und so weiter«, flachste Oscar und lachte wieder ihr ansteckendes Lachen.
Ewa stimmte ein und stand auf. Sie nahm Schusshaltung ein und zielte auf die am weitesten entfernte Zielscheibe.
Oscar und Ewa waren WG-Genossinnen. Beide studierten im Unistädtchen Tübingen, Oscar Geschichte und Ewa Philosophie. Oscar war erst Anfang des Jahres von Berlin ins Schwäbische gezogen und da sie in Tübingen anfangs niemanden kannte, hatte sie begeistert zugesagt, als Ewa sie gefragt hatte, ob sie nicht mit ihr gemeinsam Bogenschießen trainieren wollte.
Ewa schoss bereits seit einigen Jahren und hatte Oscar die ersten Lektionen erteilt. So oft es die Zeit zuließ, trainierten sie gemeinsam auf dem malerischen Schießplatz im Hasengraben hinter Schloss Hohentübingen.
Hoch ragten die grauen, efeuberankten Mauern des Schlosses empor und umschlossen die Rasenfläche des Bogenschießgeländes. In verschiedenen Entfernungen waren bunte Ziele aufgestellt, die an großen Strohballen befestigt waren.
Normalerweise war der Schießplatz gut besucht, doch so früh am Morgen hatten Oscar und Ewa den Platz ganz für sich alleine.
Das war Ewa mehr als recht, denn so konnte sie sich voll und ganz auf das Training konzentrieren. In zwei Wochen würden die Unimeisterschaften stattfinden und die ehrgeizige Ewa rechnete sich durchaus Siegchancen aus. Doch um dieses Ziel zu erreichen, musste sie fleißig sein und stundenlang trainieren.
Oscar hingegen schoss nur aus Spaß und zum Zeitvertreib. Zu den Meisterschaften hatte sie sich zwar auch angemeldet, aber bei ihr zählte mehr der olympische Gedanke, dass dabei sein alles sei. »Und irgendjemand muss ja auch Letzter werden«, hatte sie gescherzt, als sie ihr Anmeldeformular ausfüllte.
»Du bist zu zaghaft. Du zögerst immer den Bruchteil einer Sekunde, bevor du den Pfeil abschießt. Das kostet dich. Das muss alles eine fließende Bewegung sein.«
»Und du denkst, das ist mein einziges Problem?«
»Nein, du musst auch mehr trainieren. Wenn du vor den Unimeisterschaften jeden Morgen ...«
Oscar unterbrach Ewa. »Bei dem Turnier gewinn ich nicht mal einen Blumentopf! Ganz egal, wie viele Stunden ich vorher noch trainiere.«
»Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied«, verkündete Ewa und schoss.
»Dann liegt mein Glück sicher nicht im Bogenschießen«, meinte Oscar, während ihre Augen der Flugbahn von Ewas Pfeil folgten.
Zitternd blieb der Pfeil in der Zielscheibe stecken. Mitten im Schwarzen.
»Dein Glück hingegen schon«, sagte Oscar und lächelte.
Ewa drehte sich zu ihr um und lächelte ebenfalls.
In der Ferne ertönten Glockenschläge, Oscar sah auf ihre Armbanduhr.
»Ich muss los, ich wollte noch was frühstücken vor der Vorlesung.«
»Ich bleibe noch ein bisschen«, entgegnete Ewa und schickte sich an, ihren Pfeil zu holen.
»Wir sehen uns nachher in der Unibib. Vergiss bitte nicht, meinen Laptop mitzubringen, den brauch ich unbedingt«, rief Oscar ihrer Freundin hinterher.
Ewa hob die Hand zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.

Vor sich hinsummend stapfte Oscar den Kapitänsweg hinab. Dabei bewunderte sie den Blick auf die Dächer der Stadt und die historischen Schnarrenbergkliniken zu ihrer Linken. Sie konnte sich einfach nicht sattsehen an diesem malerischen Anblick.
Oscar studierte nicht von ungefähr Geschichte, Geschichte war ihre große Leidenschaft. Aber nicht nur längst vergangene Zeiten hatten es ihr angetan – sie hatte sich auf Mediävistik spezialisiert -, auch die jüngere Vergangenheit interessierte sie sehr. Und da ganz besonders die 1970er Jahre. Die Mode, die Musik, das Lebensgefühl. Und so kam es, dass Susanne Bergmann, die wegen ihrer Verehrung für Oscar Wilde von all ihren Freunden nur Oscar genannt wurde, an diesem strahlend schönen Sommermorgen gut gelaunt keinen aktuellen Charthit, sondern Seasons in the Sun von Terry Jacks summte. Ein Song, der zwei Jahre vor Oscars Geburt veröffentlicht worden war.
Sie erreichte die Haaggasse. Bevor sie sich zur Uni begab, wollte sie noch bei Jacques Le Back in der Kornhausstraße etwas zu essen kaufen, um sich für die Vorlesung bei Prof. Dr. Walker zu stärken.
Als sie in das Hasengäßle einbiegen wollte, blieb sie abrupt stehen. Die schmale Gasse war voller Leute, an ein Durchkommen war nicht zu denken.
Oscar wollte sich schon abwenden und sich einen anderen Weg durch das Altstadtlabyrinth von Tübingen suchen, da fiel ihr das Blaulicht auf.
Jetzt sah sie, dass am Ende der Gasse ein Krankenwagen parkte. Auch zwei Polizeiwagen standen mit flackerndem Blaulicht daneben.
Vor den Wagen befand sich eine freie Stelle, die mit rot-weißem Plastikband abgesperrt war. Hinter dem Absperrband drängten sich zahlreiche Schaulustige.
Unschlüssig trat Oscar einen Schritt vor und rempelte dabei eine ältere Dame an, die sich abrupt rückwärts bewegt hatte.
»Da ist wer ermordet worden«, teilte die Frau ungefragt mit und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit wieder nach vorne.
»Ermordet?«, echote Oscar mit schwacher Stimme. Sie bekam weiche Knie und musste sich an einer Hauswand abstützen.
Ein Mord? Hier im beschaulichen Tübingen?
Einer der Hauptgründe, dass Oscar sich um einen Studienplatz in der schwäbischen Universitätsstadt beworben hatte, war gewesen, dass sie sich in Berlin einfach nicht mehr wohlgefühlt hatte. Sie hatte sich gewünscht, die Großstadt mit all ihrem Trubel und Schmutz hinter sich zu lassen. In Berlin brausten ständig Polizei-, Feuerwehr- und Krankenwagen mit heulender Sirene an einem vorbei. Dort gehörte das zum Alltag und wurde kaum noch beachtet.
In Tübingen hingegen war alles sauber, adrett und ruhig. Oscar hatte sich hier auf Anhieb wohlgefühlt. Tübingen entsprach ihrem Naturell und dem, was sie unter Lebensqualität verstand, so viel mehr als die hektische, laute Hauptstadt.
Und jetzt das. Eine Leiche auf dem Weg zur Vorlesung.
Die Lust auf ein Frühstück war ihr gründlich vergangen und Seasons in the Sun war vergessen.
Oscar hatte sich schon abgewendet, um einen anderen Weg zur Universität zu nehmen. Doch dann zögerte sie. Wenn sie jetzt einfach gehen würde, würde sie sich in ihrer Phantasie alle möglichen schrecklichen Dinge vorstellen. Blutlachen, eine verstümmelte Leiche, was auch immer.
Viel besser wäre es, sie würde sich den Tatort - oder war es nur der Fundort der Leiche? - aus der Nähe ansehen. Die Realität konnte gar nicht so schlimm sein wie ihre Phantasie. Und wenn sie auch nur eine Chance haben wollte, sich nachher auf die Vorlesung zu konzentrieren, dann sollte sie jetzt besser nicht einfach gehen.
Immer noch zögerte sie. Was wenn sie unrecht hatte? Was, wenn sich das, was es dort in der Gasse zu sehen gab, als noch grauenhafter herausstellte, als die Bilder, die bereits vor ihrem inneren Auge aufgeblitzt waren?
Oscar ballte beide Hände zu Fäusten und drehte sich um. Sah das Blaulicht und die Schaulustigen. Sah Polizisten in Uniform und Personen in weißen Schutzanzügen.
Dann bahnte sie sich einen Weg durch die Menschenansammlung nach vorne, bis sie direkt am Absperrband stand.
Kein Blut, keine abgetrennten Körperteile oder verspritzte Gehirnmasse.
Die Leiche war bereits in einem schwarzen Leichensack auf eine Bahre geschnallt worden. Oscar sah nur noch, wie die Bahre in den Ambulanzwagen geschoben wurde und sich die Türen schlossen.
»Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen«, forderte ein junger Polizist die Schaulustigen auf. Einige kamen seiner Aufforderung sofort nach, andere glotzten mit morbider Faszination dem Krankenwagen hinterher, der sich gerade in Bewegung setzte.
Oscar dachte, einen dunklen Fleck auf den Pflastersteinen zu sehen. War das Blut? Oder bildete sie sich das nur ein? Nach einem letzten Blick schloss sie sich den anderen Schaulustigen an und ging langsam die Haaggasse entlang.


Weiterlesen? Flammenmund ist exklusiv bei amazon erhältlich (auch im Kindle Unlimited-Abo): https://www.amazon.de/dp/B01J08S0DG

Kommentare:

  1. Liebe Denise,

    ich bin bei #litnetzwerk auf deinen Blog gestoßen. Ein Glücksgriff - ich bin ein großer Fan von Thrillern.

    Dein Roman klingt sehr vielversprechend. Die Leseprobe ist wirklich super. Ich stelle gerade meine Weihnachtswunschliste für meine Freunde zusammen. Da darf dein Roman nicht fehlen :).

    So, jetzt schaue ich nochmals bei deiner Empfehlung "Letzte Ausfahrt Oxford" rein - ich bin gespannt, was mich erwartet.

    Liebe Grüße

    Rosa

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  2. Dann hoffe ich mal, dass alle deine Weihnachtswünsche erfüllt werden :-)

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