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Freitag, 14. März 2014

Leseprobe aus Pysanky in Buenos Aires - Ein Krimi-Märchen

»Buenas, Babuschka, Matrjoschka, Pysanky?«
Verwirrt hob Liliana den Kopf und sah die jungen Männer an, die vor ihr standen. Liliana war so in ihr Buch vertieft gewesen, dass sie die beiden nicht bemerkt hatte, bevor sie von ihnen angesprochen wurde.
»Cómo? Wie bitte?«
»Erlauben Sie, dass wir uns vorstellen: Mein Name ist Oleksandr und dies ist Sergey. Wir sind Missionare aus der Ukraine und für ein Jahr hier in Argentinien. Wir arbeiten für die Mission de la Santa Maria de la Cruz und um unsere Arbeit zu finanzieren, verkaufen wir Souvenirs aus der Ukraine.«
Oleksandr klappte die kleine Kiste auf, die er bis jetzt unter dem Arm gehalten hatte. Darin befand sich ein kunterbuntes Sammelsurium aus Holzpüppchen und Schmuckstücken.
Mit dem Finger tippte Oleksandr eine der kleinen grellbunt bemalten Holzpuppen an.
»Matrjoschkas, oft irrtümlicherweise auch als Babuschkas bezeichnet, sind ineinander schachtelbare Holzfiguren …«
Bevor Oleksandr weiter erklären konnte, winkte Liliana ab. Sie wusste, was Matrjoschkas waren, ihre Großmutter daheim in Amsterdam besaß einige Exemplare, die sie als Souvenir von Reisen mitgebracht hatte.
Aber die knallbunten Holzpüppchen entsprachen so gar nicht Lilianas Geschmack. So etwas würde sie sich nie daheim ins Regal stellen.
Und überhaupt … Ich kaufe doch hier in Buenos Aires auf der Straße keinen Russenkitsch, fuhr es Liliana durch den Kopf.
Während Sergey sich weiterhin in gepflegtem Schweigen übte, fischte Oleksandr einen Schlüsselanhänger heraus. Am Ende des Anhängers baumelte etwas, das wie ein Osterei aussah.
»Pysanky«, erklärte Oleksandr, »sind typisch ukrainische Ostereier, die mit einer komplizierten Batik-Technik eingefärbt werden. Diese kleinen Schmuck-Pysanky sind ein sehr schönes Geschenk. In unserer Heimat gelten sie als Glücksbringer.«
Liliana streckte die Hand aus und berührte das kleine bunte Osterei. Es war erstaunlich filigran gearbeitet und hing an einer kurzen roten Kordel, an deren anderem Ende ein Karabinerhaken befestigt war.
»Glücksbringer?«, fragte sie nach. Vielleicht war das wirklich ein hübsches Geschenk. Auch wenn Ostern noch etliche Wochen in der Zukunft lag.
Sie überlegte. Ihr Nachbar Antonio, der immer ihre Pflanzen versorgte und ihren Briefkasten leerte, wenn sie auf einer ihrer zahlreichen Geschäftsreisen war, würde sich sicher über so ein kleines Geschenk freuen. Und morgen Abend war sie bei ihrer Kollegin Marcia und deren Lebensgefährten Leo zum Essen eingeladen, da wären zwei so aparte Glücksbringer vielleicht ein nettes Mitbringsel.
Und wer konnte nicht ein wenig Glück im trüben Alltag gebrauchen? So eine hübsche bunte Pysanka würde sich sicher gut an ihrem Arbeitsplatz machen, und mit dem kleinen Karabinerhaken könnte sie sie an ihrer Schreibtischlampe befestigen.
»Gut, ich nehme vier Stück«, sagte sie. Oleksandr lächelte sie strahlend an. Sorgfältig wählte Liliana vier verschieden gemusterte Glücksbringer aus und bezahlte den lächerlich niedrigen Preis, den ihr der Missionar nannte.
Lächelnd verabschiedete Oleksandr sich von Liliana und auch Sergey verzog leicht die Mundwinkel nach oben und nickte ihr zu.
Liliana verstaute die Pysanky in ihrer Handtasche und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Ihre Mittagspause war fast vorbei, höchste Zeit, sich auf den Rückweg ins Büro zu machen. Sie erhob sich von ihrer Parkbank, die im Schatten unter einem der Bäume am Rande des Parque Tres de Febrero stand, und lief auf das Monumento de los Españoles zu, um die Avenida Libertador zu überqueren.

Oleksandr und Sergey setzten ihren Weg durch den Park fort. Einige Meter vom Parkweg entfernt saß eine Gruppe Jugendlicher im Gras. Einige rauchten, ein Mädchen reckte mit geschlossenen Augen ihr Gesicht in die Sonne, alle trugen lässige Sommerkleidung und Flip-Flops oder Turnschuhe ohne Schnürsenkel. Sergey steuerte auf die Jugendlichen zu, doch Oleksandr hielt ihn zurück.
»Die nicht«, sagte er.
Sergey sah ihn fragend an.
»Die sehen nicht gerade nach Geld aus«, meinte Oleksandr. »Lass uns lieber die da ansprechen.«
Er deutete auf ein älteres Ehepaar, das auf einer Parkbank im Schatten saß.
»Und warum gerade die?«, fragte Sergey.
»Schau dir doch nur mal seine Schuhe an. Das ist feinste Maßarbeit, ich will gar nicht wissen, was die gekostet haben. Und ihre Kleidung sieht auch nicht gerade billig aus.«

Sergey nickte und gemeinsam steuerten die beiden Missionare auf die Bank mit dem Ehepaar zu.


Eine weitere Leseprobe gibt es nächste Woche.

Die komplette Novelle gibt es überall dort, wo es eBooks gibt, z. B. bei amazon: 

Und für alle, die keine eBooks mögen: Die Taschenbuchausgabe ist in Vorbereitung.

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